Wenn ein Firmenboss von einem Vorhaben „Darwin“ spricht, bzw. von einer Grundhaltung, die mit diesem Namen zum Ausdruck kommen soll, ist das Stirnrunzeln, das diese Meldung in seinem Unternehmen Presseberichten zufolge hervorruft, noch eine sehr gemäßigte Reaktion. Um so mehr, wenn es um einen großen Autokonzern geht, in dessen Werken seit Jahren immer wieder sogenannte Sanierungsprogramme umgesetzt werden, was in der Wirtschaft häufig mit Personalabbau, Betriebsschließungen und Massenentlassungen gleichzusetzen ist.
Beschwört eine solche Aussage nur in meinem Kopf die Assoziation zum Begriff des Sozialdarwinismus herauf? Der Aufschrei in den Medien zumindest – den zu provozieren in der heutigen Zeit ja keine allzu große Kunst darstellt – ist in diesem Fall ausgeblieben. Man müsse Darwinist sein, um zu überleben, soll der Chef von PSA gesagt haben. Es gehe, so habe er dann weiter ausgeführt, um die Anpassung an eine sich sehr schnell verändernde Welt. Wer wollte dem nicht zustimmen? Natürlich müssen wir uns alle ständig den Herausforderungen der Zeit anpassen, und gerade von Industrien wie der Autobranche würde man sich angesichts Klimawandels und sonstiger drängender Umweltprobleme durchaus eine etwas raschere Anpassungsfähigkeit wünschen.

Aber ein Programm oder eine Grundausrichtung „Darwin“ zu nennen, scheint mir doch von einer zumindest sprachlichen Unsensibilität zu zeugen, wie sie heute leider auch in anderen Bereichen immer wieder zu beobachten ist. Vieles, was noch vor wenigen Jahren niemand gesagt hätte, darf man heute offenbar unverhohlen aussprechen. Sicher spiegelt die Sprache hier auch die sich ebenfalls stetig im Wandel befindliche gesellschaftliche Realität. Andererseits wirkt die Sprache auch wieder zurück auf eben diese Realität. Denn auch die Sprache formt unser Bewusstsein. Ein interessantes Forschungsfeld, die Wechselwirkungen zwischen Sprache und Bewusstsein… Doch ganz unabhängig von dieser Frage nach Ursache und Wirkung darf man in Anbetracht offensichtlicher gesellschaftlicher Phänomene und Tendenzen stark bezweiflen, ob diese Tabubrüche in Sprache und Gesellschaft eine positive Erscheinung sind.

Neben dem, was ich hier „Unsensibilität“ nenne (auch der Begriff „Verrohung“ ist im Zusammenhang mit Sprache und Gesellschaft bereits zu hören), fällt mir noch eine andere Erklärung ein für die meiner Ansicht nach unglückliche Benennung einer Firmenphilosophie – und um die geht es ja offenbar: Vielleicht kennen viele Menschen den Begriff „Sozialdarwinismus“ gar nicht mehr? Vielleicht hat der ständige Anpassungsdruck ihn längst aus den Lehrplänen verbannt? In diesem Fall könnte man fast versucht sein, dies für eine begrüßenswerte Entwicklung zu halten. Wenn unmenschliche und überkommene (oder nur überkommen geglaubte?) Konzepte erst gar nicht mehr Gegenstand der Betrachtung sind, sind sie damit ausgemerzt und in der Mottenkiste der Geschichte verschwunden? Offenbar nicht. Auch bei anderen unheilvollen Begriffen funktioniert dies offensichtlich nicht – Beispiele erspare ich mir hier. Der zielführendere Ansatz zum Umgang mit Geschichte scheint mir also doch der zu sein, der davon ausgeht, dass wir aus der Geschichte lernen können, um die Irrwege der Vergangenheit nicht erneut einzuschlagen.

Für mich Anlass genug, den Begriff „Sozialdarwinismus“ hier aufzugreifen und kurz vorzustellen:
Der Sozialdarwinismus ist eine Theorie, aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach der man die auf der natürlichen Auslese basierende Evolutionstheorie Darwins auf menschliche Gesellschaften übertrug. „Der Sozialdarwinismus diente zeitweise als Rechtfertigungsideologie für jeweils bestehende gesellsch. Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten und für Theorien des Rassismus“, schreibt „Meyers großes Taschenlexikon“ in Band 20 seiner 4. Auflage von 1992.
Im Englischen heißt das „social Darwinism„, im Spanischen „darwinismo social“ (manchmal auch „darvinismo social“ geschrieben). In allen drei Sprachen findet man unzählige Hits im Internet.
In meinen Übersetzungen ist der Begriff noch nicht aufgetaucht. Er passt aber durchaus zu meiner übersetzerischen Tätigkeit im Bereich der Menschenrechte und dem sozialen und sozialpolitischen Bereich, der in meinem Portfolio gerade in jüngerer Zeit an Bedeutung gewinnt.